Promovieren mit Neurodivergenz

Interview mit Prof. Dr. Laura Aichroth

Podcast GLÜCKLICH PROMOVIEREN: Episode #208

Podcast Dissertation
Interview mit Prof. Dr. Laura Aichroth

Gehirngerecht promovieren mit Neurodivergenz

Wie promoviert man erfolgreich, wenn das eigene Gehirn anders tickt? Darüber habe ich mit Prof. Dr. Laura Aichroth gesprochen. Laura hat selbst mit ADHS promoviert und forscht heute zu ADHS und Autismus.

Wir sprechen u. a. darüber, welche Strategien ihr während der Promotion geholfen haben, warum Energiemanagement wichtiger als Zeitmanagement sein kann und was hinter Perfektionismus bei neurodivergenten Menschen stecken kann.

Was bedeutet Neurodivergenz eigentlich?

Neurodiversität beschreibt zunächst einmal die Vielfalt menschlicher Gehirne. Jedes Gehirn funktioniert anders. Von Neurodivergenz spricht man laut Laura, wenn neurokognitive Entwicklungsprofile, Wahrnehmungsprofile, Lern- oder Verarbeitungsprofile von der Norm beziehungsweise von der Mehrheit abweichen. Eine abgeschlossene medizinische Liste dessen, was unter Neurodivergenz fällt, gibt es nicht. Dazu gehören unter anderem ADHS und Autismus.

Bei ADHS können sich Besonderheiten beispielsweise bei Aufmerksamkeit, Impulsivität und Aktivitätsniveau zeigen, aber auch bei der Emotions- und Selbstregulation. Autismus kann sich unter anderem in der sozialen Kommunikation und Interaktion, im Bedürfnis nach Routinen, bei Interessen oder in der sensorischen Verarbeitung zeigen.

Entscheidend ist Laura dabei ein Punkt:

Kennt man eine Person mit ADHS, kennt man genau eine Person mit ADHS.

Sowohl ADHS als auch Autismus sind Spektren. Wie genau sich Neurodivergenz zeigt und was einer Person leicht oder schwerfällt, kann deshalb sehr unterschiedlich sein.

Svenja Hirsch

Über Prof. Dr. Laura Aichroth

Prof. Dr. Laura Aichroth ist Professorin für Wirtschaftspsychologie und forscht unter anderem zu ADHS und Autismus. Dabei beschäftigt sie die Frage, welchen Einfluss eine späte Diagnose auf den Berufs- und Bildungsweg haben kann.

Daneben begleitet Laura in der beziehungsbude. Menschen mit ADHS und Autismus, sowohl im Einzelsetting als auch als Paare, und arbeitet mit Unternehmen. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Frage, welche Lebens-, Arbeits- und Kommunikati onsformen zu unterschiedlichen Menschen und ihren Gehirnen passen.

Warum wird Neurodivergenz bei Frauen häufig erst spät erkannt?

ADHS wurde lange vor allem anhand von Jungen und Männern erforscht. Das kann dazu führen, dass Mädchen und Frauen mit ihren Besonderheiten weniger auffallen oder durch diagnostische Raster fallen.

Hinzu kommt laut Laura bei Frauen ein weiterer Faktor: Hormone.

Der weibliche Zyklus kann Einfluss darauf haben, wie stark bestimmte Symptome oder Besonderheiten ausgeprägt sind. Auch Pubertät, Schwangerschaft, die Zeit nach einer Geburt, Perimenopause und Menopause können Veränderungen mit sich bringen.

Das bedeutet: Nicht nur zwischen verschiedenen Menschen gibt es große Unterschiede. Auch bei ein und derselben Person kann sich das Erleben im Laufe eines Monats oder in unterschiedlichen Lebensphasen verändern. Das kann eine Diagnose zusätzlich erschweren.

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Wie hat Laura mit ADHS erfolgreich promoviert, ohne ihre Diagnose zu kennen?

Dass ihr Gehirn anders funktioniert als das anderer Menschen, hatte Laura bereits vor ihrer Promotion bemerkt. Während der Promotion fiel ihr dann beispielsweise auf, dass ihr manches leichtfiel, womit andere Promovierende Schwierigkeiten hatten. Sie konnte tief in ihr Thema eintauchen, stundenlang Paper durchforsten, recherchieren oder sich in neue technische Werkzeuge einarbeiten.

Andere Dinge waren für sie deutlich schwieriger. Stundenlang aufmerksam in einem Workshop des PhD-Programms zu sitzen, gehörte beispielsweise dazu. Für Laura geht es bei solchen Unterschieden nicht um besser oder schlechter:

Es geht nicht um gut oder schlecht und richtig oder falsch, sondern einfach um anders.

Auch ohne damals eine Diagnose zu haben, schuf sie sich Rahmenbedingungen, die zu ihr passten. Dazu gehörte es auch, dass sie schon bei der Suche nach einer Promotion ziemlich genau wusste, was sie brauchte: Sie wollte im Ausland, auf Englisch und interdisziplinär promovieren und an einem Thema arbeiten, das sie wirklich interessierte.

Für diese Bedingungen nahm sie in Kauf, mehr als ein Jahr nach einer passenden Betreuung zu suchen.

Selbstbewusste Wissenschaftlerin

Welche Strategien haben Laura während der Promotion geholfen?

Während der Promotion nutzte Laura viele Methoden, die sie bereits aus ihrer beruflichen Arbeit in der Personal- und Teamentwicklung kannte. Eine davon waren sehr konkrete Mikro-Meilensteine.

Statt sich vorzunehmen, ein Kapitel zu schreiben, definierte sie beispielsweise, an einem Tag 300 Wörter zur Einleitung zu schreiben, fünf Paper nach bestimmten Kriterien zu screenen oder eine bestimmte Abbildung zu erstellen.

Das hatte einen entscheidenden Vorteil: Sie wusste, wann die Aufgabe für diesen Tag erledigt war.

Auch externe Strukturen waren wichtig. Laura hatte monatliche Termine mit ihrer Betreuung und damit automatisch regelmäßige Zwischendeadlines.

Zusätzlich organisierte sie sich eine kleine Schreibgruppe. Heute weiß sie, dass sich dahinter ein Konzept verbirgt, das häufig als Body Doubling bezeichnet wird: Menschen arbeiten zur gleichen Zeit nebeneinander, auch wenn jede Person an ihrer eigenen Aufgabe sitzt.

Und noch ein Prinzip war für Laura zentral:

Gut genug statt perfekt.

Wie genau Laura ihre Promotion organisiert und schließlich in 1535 Stunden abgeschlossen hat, haben wir bereits in einer früheren Podcast-Episode ausführlich besprochen, in der Laura alle ihre Tipps und Tricks teilt, wie sie es geschafft hat, in 1535 Stunden zu promovieren.

Stellschrauben-Training

Warum kann Energiemanagement wichtiger sein als Zeitmanagement?

Laura hat sich lange mit Zeitmanagement, Arbeitsmethoden und Selbstoptimierung beschäftigt. Irgendwann stellte sie jedoch fest: Für sie liegt der entscheidende Hebel woanders. Sie begann zu beobachten, wie viel Energie sie an unterschiedlichen Tagen hatte und wie ihre Tagesform damit zusammenhing, was sie tatsächlich schaffte. Heute fragt sie deshalb nicht mehr nur, was sie an einem Tag erledigen möchte, sondern:

„Wie fühle ich mich heute und wie möchte ich mich am Ende des Tages fühlen?“

An Tagen mit viel Energie ist mehr möglich, an anderen weniger. Entscheidend ist für Laura, einen Arbeitsmodus zu finden, den sie langfristig durchhalten kann.

Dafür nutzt sie das Bild eines E-Autos: Wenn dessen Akku nur noch acht Prozent hat, würdest du schließlich auch nicht erwarten, dass es sich einfach mehr anstrengt und noch ein paar hundert Kilometer fährt. Mit uns selbst machen wir aber häufig genau das.

Gerade vor Deadlines hat Laura früher ihre Energiereserven immer weiter ausgereizt und danach nicht ausreichend Zeit zum Aufladen eingeplant. Heute berücksichtigt sie stärker, wie viel Energie tatsächlich vorhanden ist und was es bedeutet, wenn sie ihr Energielimit an einem Tag überschreitet.

Kennst du deine Gehirn-Prime-Time?

Zum Energiemanagement gehört für Laura auch die Frage, wann sie arbeitet.

Ihre leistungsfähigste Tageszeit bezeichnet sie als ihre „Gehirn-Prime-Time“. Bei ihr liegt diese deutlich später als bei vielen anderen Menschen. Einen großen Teil ihres akademischen Outputs hat sie nach eigener Einschätzung nach 20 Uhr produziert.

Während einer intensiven Schreibphase ihrer Promotion nutzte sie diesen Rhythmus bewusst und arbeitete vor allem abends. Zu dieser Zeit ist die Welt für sie ruhiger und reizärmer, sodass sie sich besser konzentrieren kann. Auch heute legt sie anspruchsvolle Aufgaben möglichst in die Zeiten, in denen ihr Gehirn besonders gut arbeitet.

Von der Diss zum Bestseller

Was kann hinter Perfektionismus bei neurodivergenten Menschen stecken?

Perfektionismus ist unter Promovierenden weit verbreitet. Bei neurodivergenten Menschen kann er laut Laura aber auch eine Schutzstrategie sein.

„Wozu ist dir dieser Perfektionismus dienlich?“

Manche Menschen versuchen durch besonders perfekte Arbeit, möglichst wenig Angriffsfläche für Kritik zu bieten und nicht damit aufzufallen, dass sie anders sind. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Wovor möchte ich mich mit meinem Perfektionismus schützen? Wo hilft er mir und wo behindert er mich?

Laura selbst lebt in vielen Bereichen ihres Lebens sehr glücklich mit 60 oder 70 Prozent. Gleichzeitig gibt es in der Wissenschaft natürlich Aufgaben, bei denen Details wichtig sind. Für sie geht es deshalb darum, mit den eigenen Stärken und Schwächen pragmatisch umzugehen.

Formatierungen empfand sie während ihrer Promotion beispielsweise als „kognitiven Overkill“. Deshalb schrieb sie ihre Dissertation mit LaTeX und löste das Problem technisch. Heute arbeitet sie außerdem bewusst in Forschungsteams mit komplementären Kompetenzen.

Wenn sie bei sich plötzlich mehr Perfektionismus als gewöhnlich bemerkt, versteht Laura das inzwischen als Hinweis: Häufig steckt dahinter Unsicherheit oder Angst vor Bewertung und Ablehnung. Statt den Perfektionismus einfach loswerden zu wollen, kann es deshalb hilfreich sein zu fragen, was er gerade über die eigenen Bedürfnisse verrät.

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Wie könnte eine neuroinklusive Hochschule aussehen?

Das deutsche Wissenschaftssystem bietet neurodivergenten Menschen aus Lauras Sicht häufig zu wenig Anpassungsmöglichkeiten. Neuroinklusion bedeutet für sie deshalb, Barrieren abzubauen, damit Menschen nicht dauerhaft gegen ihr Nervensystem arbeiten müssen.

Dabei geht es nicht um Sonderbehandlung, sondern um eine Kombination aus klaren Strukturen und Flexibilität.

Transparente Bewertungskriterien, konkrete Deadlines und Beispiele für Arbeitserwartungen können Orientierung geben. Gleichzeitig können unterschiedliche Prüfungsformate, hybride Optionen, flexiblere Fristen oder Wahlmöglichkeiten hilfreich sein.

Auch Ruheräume, Rückzugsorte und feste Pausenzeiten können sensorische Belastungen reduzieren. Zwischenziele, Erinnerungen, Checklisten oder Unterstützung bei der Planung wiederum können Exekutivfunktionen entlasten.

Wichtig findet Laura außerdem, Lehrende besser über ADHS, Autismus und sensorische Belastungen zu informieren.

Was sollten Betreuungspersonen über neurodivergente Promovierende wissen?

Was Lauras Meinung nach Betreuungspersonen unbedingt über neurodivergente Promovierende wissen sollten:

„Dass die absolute Superkräfte haben, die andere nicht haben und dass es aber auch für sie sehr schwierig sein kann bei Dingen, die anderen sehr leicht fallen.“

Genau diese Gleichzeitigkeit ist Laura wichtig. Neurodivergenz ist für sie weder ausschließlich ein Defizit noch etwas, das romantisiert werden sollte.

Und was hätte sie selbst während ihrer Promotion gerne früher gewusst?

„Nur weil es Menschen mit meinem Gehirn noch nicht sichtbar in der Wissenschaftswelt gibt, gibt sie trotzdem.“

Fazit

Gehirngerecht zu promovieren bedeutet nicht, für alle neurodivergenten Promovierenden dieselben Strategien zu finden. Entscheidend ist vielmehr herauszufinden, welche Bedingungen DU brauchst, um gut arbeiten zu können.

Wann hast du Energie? Wann kannst du dich gut konzentrieren? Was fällt dir leicht und was kostet dich unverhältnismäßig viel Kraft? Welche Strukturen helfen dir und wo versuchst du vielleicht noch, auf eine Art zu arbeiten, die gar nicht zu deinem Gehirn passt?

Laura fasst ihre Haltung am Ende unseres Gesprächs treffend zusammen: Es geht weder um ein Defizitmodell noch um Stärkenromantik. Die entscheidende Frage ist, wie das eigene Leben und die eigene Arbeit zum eigenen Gehirn passen und welche Unterstützung dafür notwendig ist.

Die Links aus der Episode im Überblick:

Episode #132: Wie Laura ihre Promotion in 1535 Stunden geschafft hat

Zur Lauras Profil (Beziehungsbude):

Mehr über Laura Aichroth

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Hallo, ich bin Dr. Marlies Klamt!

Jahrelang habe ich selbst nach einem Weg gesucht, glücklich und zufrieden zu promovieren. Ich musste meine eigene Dissertation sogar 2x schreiben, bis ich ihn gefunden habe. Im zweiten Anlauf war ich nicht nur nach 9 Monaten fertig, sondern hatte die beste Work-Life-Diss-Balance meiner gesamten Promotionszeit. Die Krönung meiner Promotionsreise war schließlich die Bestnote für meine Disputation.

Heute unterstütze ich Doktorandinnen wie dich durch Coachings, Kurse und meinen Podcast "Glücklich promovieren". Ich glaube fest daran, dass alle Superkräfte, die du für eine glückliche Promotion brauchst, bereits in dir schlummern. Lass sie uns gemeinsam wecken!

Dr. Marlies Klamt