Aktualisiert am 8. October 2026

Promovieren mit Sehbehinderung

Interview mit Katharina Hauptmann

Podcast GLÜCKLICH PROMOVIEREN: Episode #211

Podcast Dissertation
Promovieren mit Sehbehinderung

Promovieren mit Sehbehinderung: ein Erfahrungsbericht

Wie gelingt eine Promotion mit stark eingeschränktem Sehvermögen?

Katharina Hauptmann erzählt, wie sie wissenschaftliche Texte bearbeitet, auf Konferenzen Kontakte knüpft und Unterstützung organisiert. Wir sprechen über hilfreiche Strategien, gute Rahmenbedingungen und darüber, ob sie das Projekt Promotion im Rückblick noch einmal angehen würde.

Wie verlief Katharinas Weg zur Promotion?

Katharina wollte schon lange promovieren. Bis sie diesen Wunsch verwirklichen konnte, verging allerdings einige Zeit: Zwischen ihrem Studium und dem Promotionsbeginn lagen viele Jahre beruflicher Tätigkeit. 2021 begann sie schließlich an der Fernuniversität in Hagen ihre Promotion im Bereich BWL zum Thema unternehmerische Nachhaltigkeit. Im April 2026 schloss sie sie ab.

Promoviert hat sie auf einer wissenschaftlichen Mitarbeiterstelle am Lehrstuhl. Ihre Stelle wurde nach und nach von zunächst etwa 50 auf zuletzt 100 Prozent aufgestockt, sobald Gelder zur Verfügung standen. Mit dem Stellenumfang wuchsen auch ihre Lehrverpflichtungen. Die Bedingungen empfand sie dennoch als fair.

Ihre damalige Betreuerin achtete auf eine gute Finanzierung und auf Prozesse, die Lehre und Forschung miteinander vereinbar machten. Gleichzeitig erinnerte sie Katharina daran, selbst Verantwortung dafür zu übernehmen, während der Arbeitszeit auch an der eigenen Forschung zu arbeiten. Dazu kamen Kolleginnen und Kollegen, die sich gegenseitig unterstützten, Erfolge feierten und miteinander bangten, wenn deren Ausgang noch offen war.

Über Katharina Hauptmann

Katharina Hauptmann promovierte von 2021 bis April 2026 an der Fernuniversität in Hagen im Bereich BWL zum Thema unternehmerische Nachhaltigkeit. Vor ihrer Promotion war sie viele Jahre berufstätig.

Katharina ist hochgradig sehbehindert und entwickelte während ihrer Promotionszeit Strategien für die wissenschaftliche Arbeit und den Austausch auf Konferenzen. Wissenschaftlich zu arbeiten macht ihr große Freude, und sie möchte diesen Weg gerne weitergehen.

Was bedeutet die Sehbehinderung für den (Promotions-)Alltag?

Katharinas Sehvermögen ist stark eingeschränkt. Ihre Erkrankung schreitet fort, und vieles, was andere auf Papier lesen, bearbeitete sie während ihrer Promotion deshalb digital. Dort konnte sie Texte so stark vergrößern, wie sie es brauchte. Mit Handlupen ist das inzwischen schwierig geworden, bei kürzeren Texten funktioniert es noch. Längere Texte ließ sie sich vorlesen. 

Die Einschränkung zeigte sich im späten Jugendalter zunächst so schleichend, dass Katharina sie selbst kaum bemerkte. Menschen aus ihrem Umfeld rieten ihr, zum Augenarzt zu gehen. Anfangs gehörten auch Verdrängung und Verleugnung zu ihrem Umgang damit. Eigene Strategien entstanden nach und nach.

Neben technischen Hilfsmitteln nutzt Katharina kleine Alltagshilfen. In einer fremden Umgebung orientiert sie sich beispielsweise an Menschen in ihrer Nähe. Manchmal folgt sie anderen erst einmal, um einen Ausgang zu finden. Technik erleichtert vieles, beseitigt die Einschränkung aber nicht. Für konkrete Aufgaben muss Katharina immer wieder Wege finden, die im jeweiligen System nicht vorgesehen sind. Autofahren darf sie nicht.

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Der Umgang mit wissenschaftlichen Texten

Zu Beginn der Promotion stand vor allem das Lesen im Vordergrund. Katharina entdeckte die Vorlesefunktion in Word für sich und fand damit einen anderen Zugang zur Literatur. Ein Teil ihres theoretischen Hintergrunds beruhte auf soziologischen Theorien aus den 1970er-Jahren. Die entsprechende Literatur lag digital vor, insgesamt musste sie aber eine große Menge an Forschung rezipieren. Einzelne Texte digitalisierte sie selbst am Scanner. Später kam sie auf die Idee, ihre studentische Hilfskraft darum zu bitten.

Texte überfliegen, querlesen, schnell nach relevanten Stellen suchen: Was häufig empfohlen wird, funktioniert für Katharina nicht. Anfangs arbeitete sie Texte deshalb von vorne bis hinten durch. Das hatte auch einen Nutzen. Gerade die gründliche Lektüre der Theorieteile half ihr dabei, wichtige Personen im Forschungsfeld und die Bezüge zwischen verschiedenen Arbeiten kennenzulernen.

„Scannen, überfliegen oder auch so querlesen, das sind halt Sachen, die ich nicht kann.“

Ihr Arbeitstempo ist dadurch langsamer als das ihrer normalsichtigen Kolleginnen und Kollegen. Inzwischen hat sie einen Modus gefunden, mit dem sie auch künftig wissenschaftlich weiterarbeiten möchte.

Selbstbewusste Wissenschaftlerin

Was macht das Netzwerken auf Konferenzen schwierig?

Nicht jede Herausforderung war Katharina zu Beginn bewusst. Später zeigte sich, wie stark der Austausch auf Konferenzen von visuellen Informationen abhängt. Einfach hingehen, sich zu jemandem stellen und ins Gespräch kommen? Das gestaltet sich anders, wenn man Menschen nicht zuverlässig wiedererkennt oder visuelle Signale nicht mitbekommt.

Besonders hilfreich war deshalb eine Arbeitsassistenz, die Katharina für Konferenzbesuche beantragt hatte. Bei zwei Konferenzen begleiteten sie zwei unterschiedliche Personen, deren Einsatz bezahlt wurde. Sie halfen bei der Orientierung, etwa auf dem Weg zur Bahn oder zum Hotel.

Auch für fachliche Gespräche war die Begleitung wertvoll. Hatte jemand im Plenum etwas Interessantes gesagt, konnte Katharina ihre Assistenz bitten, ihr später ein Zeichen zu geben, sobald diese Person in der Nähe war. So konnte sie die Person ansprechen und das Gespräch vertiefen.

„Das war wirklich eine ganz ganz tolle Unterstützung, die auch maßgeblich zum Erfolg für mich bei diesen Konferenzen beigetragen hat.“

Katharina betont im Gespräch, dass diese Unterstützung nicht promotionsspezifisch war, sondern an ihr Arbeitsverhältnis geknüpft. Ihre Sehbehinderung spricht sie bei neuen Kontakten häufig offen an, wenn sie das Gefühl hat, dass daraus eine Beziehung entstehen könnte. Bei oberflächlichen Begegnungen tut sie das meist nicht.

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Weitere Unterstützungsangebote während Studium und Promotion

Katharina unterscheidet zwischen Studium und Promotion. Im Studium kennt sie Nachteilsausgleiche wie verlängerte Klausurzeiten oder alternative Prüfungsformate. Während der Promotion greifen solche Möglichkeiten aus ihrer Sicht weniger, weil die Arbeit viel eigenständiger organisiert ist.

Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten fand sie nur wenige. Sie berichtet von einem früheren Projekt an der Universität Köln, das die Promotion von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung fördern sollte, auch durch finanzierte Stellen. Das Projekt bestand zum Zeitpunkt des Gesprächs nicht mehr. Daraus war jedoch ein Netzwerk entstanden, das weiterhin regelmäßig zum Austausch zusammenkam. [Link zum erwähnten Netzwerk einfügen]

Was Katharina sich zusätzlich wünscht, ist mehr Sensibilität bei Promotionsbetreuenden für unterschiedliche Lebenssituationen. Nicht alle können 60 Stunden pro Woche ausschließlich für ihre Promotion leben. Das betrifft Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung ebenso wie Promovierende mit Care-Verpflichtungen oder einer externen beruflichen Tätigkeit.

Was heißt es, kompetent für die eigene Behinderung zu werden?

Welche Unterstützung brauche ich konkret? Diese Frage lässt sich leichter beantworten, wenn ich meine eigenen Herausforderungen gut kenne. Katharina beschreibt das als Kompetenz für die eigene Behinderung: zu wissen, welche Einschränkungen bestehen und was hilft, die eigene Arbeit damit gut zu machen.

Erst dann kann sie gezielt um Hilfe bitten. Im Laufe der Jahre ist ihr das leichter gefallen. Sie kennt sich selbst besser, kann ihre Bedürfnisse besser ansprechen und hat mehr Mut zu fragen.

„Vielleicht kommt das auch einfach mit den Jahren, dass man sich selbst besser kennenlernt, dass man auch vielleicht besprechfähiger wird in Bezug auf die eigenen Bedürfnisse insgesamt und dann mehr Mut hat zu fragen.“

Katharina geht davon aus, dass sich dieser Gedanke auch auf andere Behinderungen und Erkrankungen übertragen lässt. Einen Unterschied sieht sie bei chronischen Erkrankungen mit wechselndem Verlauf: Hier könne es für Außenstehende schwierig sein, den Unterstützungsbedarf nachzuvollziehen. Aber auch hier gilt: Wer die eigenen Bedürfnisse gut erklären kann, erleichtert anderen aus ihrer Sicht, darauf einzugehen.

Von der Diss zum Bestseller

Hatte sie Zweifel, ob sie die Promotion schaffen würde?

Zweifel ja, Abbruchgedanken nein. Zu Beginn hatte Katharina die Ansage erhalten, dass ihre Betreuerin sie nicht zu Ende betreuen könne, wenn sie länger als drei Jahre brauche. Das löste die Frage aus, wie sie diesen Zeitrahmen schaffen sollte, wenn schon viele Promovierende ohne Behinderung länger brauchen.

Ihre Antwort darauf war eine gewisse Sturheit. Sie wollte weitermachen, bis ihr jemand sagen würde, dass sie gehen müsse. Falls die Promotion dann noch nicht abgeschlossen wäre, würde sie überlegen, wie es weitergeht. Letztlich wurde sie aus anderen Gründen von einer anderen Person zu Ende betreut.

Auf meine Frage, ob Katharina rückblickend noch einmal promovieren würde, gab sie eine eindeutige Antwort.

Sie beschreibt ihre Promotionszeit als die intellektuell beste Zeit ihres bisherigen Berufslebens.

Dazu trugen das unterstützende Umfeld am Lehrstuhl und Menschen in ihrem Privatleben bei, die ihren Weg befürworteten. Wissenschaftliches Arbeiten macht ihr so viel Freude, dass sie es gerne noch lange fortsetzen möchte.

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Fazit

Katharinas Geschichte zeigt, welche zusätzlichen Herausforderungen eine Sehbehinderung während der Promotion mit sich bringen kann: beim Lesen, bei der Orientierung und beim wissenschaftlichen Austausch. Sie erzählt aber auch von passenden Strategien, hilfreicher Unterstützung und einer Promotionszeit, auf die sie sehr positiv zurückblickt.

Wenn du aufgrund einer Behinderung zweifelst, ob eine Promotion für dich machbar ist, möchte Katharina dir mitgeben: Zweifel sind nicht grundsätzlich schlecht. Sie zeigen auch, dass du dich mit deinen Möglichkeiten auseinandersetzt. Gibt es eine Gelegenheit, die Promotion auszuprobieren, würde sie dazu ermutigen. Eine Entscheidung für den Anfang lässt sich später wieder revidieren, wenn die Bedingungen nicht passen.

„Aber ich würde immer sagen: einfach machen.“

 

Die Links aus der Episode im Überblick:

Episode #132: Wie Laura ihre Promotion in 1535 Stunden geschafft hat

Zur Lauras Profil (Beziehungsbude):

Mehr über Laura Aichroth

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Hallo, ich bin Dr. Marlies Klamt!

Jahrelang habe ich selbst nach einem Weg gesucht, glücklich und zufrieden zu promovieren. Ich musste meine eigene Dissertation sogar 2x schreiben, bis ich ihn gefunden habe. Im zweiten Anlauf war ich nicht nur nach 9 Monaten fertig, sondern hatte die beste Work-Life-Diss-Balance meiner gesamten Promotionszeit. Die Krönung meiner Promotionsreise war schließlich die Bestnote für meine Disputation.

Heute unterstütze ich Doktorandinnen wie dich durch Coachings, Kurse und meinen Podcast "Glücklich promovieren". Ich glaube fest daran, dass alle Superkräfte, die du für eine glückliche Promotion brauchst, bereits in dir schlummern. Lass sie uns gemeinsam wecken!

Dr. Marlies Klamt