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“Fast wäre ich in die Zeitfalle getappt”

Episode #118

Podcast GLÜCKLICH PROMOVIEREN: Episode #118

Podcast Dissertation
Zeitfalle beim Promovieren

Wie viele Stunden am Tag solltest du promovieren?

Wusstest du, dass Promovierende im Schnitt nicht mehr als 4,5 Stunden pro Tag für ihre Diss aufwenden? Der restliche Tag geht je nach Promotionssituation für andere Forschungsaufgaben, Lehre und Administration drauf.

Die wenigste Zeit verbringen Doktorand*innen, die an einer Fachhochschule (die sich heute meist nur noch Hochschule nennen) arbeiten. (Alle Daten stammen aus Jaksztat, Preßler & Briedis 2012, die Quelle ist unten verlinkt)

Bei denen sind es gerade mal gute zweieinhalb Stunden pro Tag. Bei Uni-Mitarbeitenden ist es knapp eine Stunde mehr.

Mit fast 6 Stunden pro Tag führen Stipendiat*innen die Liste an.

Wenn man sich nicht das Beschäftigungsverhältnis, sondern den Promotionskontext anschaut, dann arbeiten Promovierende in strukturierten Programmen am meisten an ihrer Dissertation (ebenfalls knapp 6 Stunden täglich). Das Schlusslicht bieten hier die wissenschaftlichen Mitarbeitenden am Lehrstuhl, die im Schnitt nur 3 Stunden und 20 Minuten pro Tag für die eigene Doktorarbeit verwenden. (Alle Daten stammen aus Jaksztat, Preßler & Briedis 2012..)

Dachtest du bisher, du müsstest auf 40 Promotionsstunden pro Woche kommen?

Dann erleichtern dich diese Zahlen hoffentlich.

Was am Ende zählt ist auch nicht, wie viel Zeit du mit deiner Diss verbracht hast, sondern, was du in dieser Zeit angestellt hast. Man kann viel Zeit mit etwas verbringen und dennoch nicht vorankommen. Oder aber nur wenige Stunden zur Verfügung haben, aber diese ganz fokussiert nutzen.

Mein Ziel ist es immer, möglichst effizient zu arbeiten, also möglichst viel in kurzer Zeit erledigt zu bekommen und dann mehr Zeit für anderes (da denke ich eher an Schwimmen gehen als Bad putzen) zu haben.

Das ist allerdings leichter gesagt als getan.

Wie ich fast in die Zeitfalle getappt wäre

Im Juli ist es mir wieder mal passiert. Ich war eine Woche im Büro zwischen zwei Urlauben und hatte so einiges auf meiner To-do-Liste stehen. Auf der anderen Seite war das Wetter gut. Deshalb gab es Ansporn genug, um früher fertig zu werden und den restlichen Tag zu genießen.

Ich hatte einen realistischen Wochenplan gemacht und alle To-dos um meine festen Termine herum verteilt. Dann machte ich mich an die Arbeit. Ich war gut erholt vom ersten Urlaub und freute mich, wieder im Büro zu sein. Das war wahrscheinlich mit ein Grund, warum ich wirklich gut vorankam. So gut, dass ich an einem Tag um halb 4 alles geschafft hatte, was ich mir vorgenommen hatte.

Prima, dachte ich, dann kann ich ja jetzt an den Strand gehen.

Da fiel mein Blick auf die getrackte Zeit des Tages. Das ist etwas, das ich schon seit Jahren mache und dir auch nur empfehlen kann, dass ich systematisch Buch darüber führe, wie lange ich arbeite und woran. Jetzt hatte ich an dem Tag erst 3,5 Stunden gearbeitet.

Der Fehlschluss

Und schon legte sich ein Schalter in meinem Hirn um und eine Stimme in meinem Hirn meldete sich lautstark zu Wort: Was, du hast heute erst dreieinhalb Stunden gearbeitet? Und willst jetzt schon Feierabend machen? Was ist denn mit dir los? Denkst du, dass sich so ein erfolgreiches Business führen lässt? Schön, deine Aufgaben für heute hast du zwar geschafft, aber irgendwas gibt es doch immer zu tun. Du bist doch nicht faul, oder?

Ich sag’s dir, das volle Programm…

Ich war wirklich kurz davor, mit irgendeiner anderen Aufgabe anzufangen, um die Mindestarbeitszeit, die ich irgendwo tief in mir drin als angemessen abgespeichert habe, zu erfüllen

Zum Glück meldete sich daraufhin eine zweite Stimme zu Wort: Marlies, merkst du nicht, dass das allem widerspricht, was du immer predigst? Sagte diese Stimme und:

Sagst du nicht immer, man soll lernen, mehr in weniger Zeit zu schaffen, damit man dann mehr Freizeit hat? Und in dem Moment, wo dir das gelingt, willst du die gewonnene Zeit wieder in Arbeitszeit umwandeln? Das ergibt keinen Sinn…

Ich schätze du weißt, auf welche Stimme ich gehört habe. Auf die zweite natürlich. Ich war froh, dass sie sich zu Wort gemeldet hatte und ich nicht in eine altbekannte Zeitfalle getappt bin.

Die Zeitfalle

Diese Zeitfalle kennst du vielleicht auch: Sie besteht darin, dass wir unseren Erfolg (oder besser gesagt unsere Arbeitsleistung und Produktivität) daran messen, wie viele Stunden wir in ein Projekt stecken. Und zwar ganz egal, ob wie in deinem Fall in die Doktorarbeit oder wie bei mir in die Selbständigkeit. Wenn wir viel arbeiten, dann fühlen wir uns gut, weil wir so viel Zeit in etwas investiert haben. Man könnte auch sagen: So viel Lebenszeit geopfert haben.

Dabei sagt die Zeit, die wir für etwas aufwenden, erst mal überhaupt nichts aus.

Okay, das stimmt nicht ganz, wie können schon vermuten, dass es einen positiven Zusammenhang gibt zwischen der Zeit, die wir in etwas investieren und den Ergebnissen, die wir in eben dem Bereich erzielen.

ABER: Ich kann in einer Stunde super produktiv sein und richtig was schaffen oder ich kann 8 Stunden meine Zeit im Büro absitzen und nichts gebacken bekommen.

Ein Beispiel

Lass uns das mal an einem ganz konkreten Beispiel durchspielen. Mach dich bereit auf jede Menge Zahlen, denn ich will, dass das Beispiel möglichst anschaulich wird.

Nehmen wir mal an, du bist gerade in der Schreibphase und dein Ziel ist es, Text zu produzieren, z.B. für ein Paper oder ein Kapitel deiner Dissertation. Wenn du in einer Stunde zwei verwendbare Seiten schreibst, bist du dann erfolgreicher was deine Produktivität angeht oder nicht als eine Person, die in vier Stunden eine Seite schreibt? Auf jeden Fall!

Nächste Frage:

Wenn du in einer Stunde zwei verwendbare Seiten schreibst, bist du dann erfolgreicher was deine Produktivität angeht oder nicht als eine Person, die in vier Stunden zwei Seiten schreibt?

Ich würde auch hier auf jeden Fall mit einem fetten JA antworten. Wenn die Qualität des Textes, den du produzierst, in beiden Fällen gleich ist (und dafür gehen wir in unserem Beispiel aus), dann ist es doch erstrebenswerter, für dieselbe Menge an produziertem Text 1 Stunde zu brauchen anstatt 4 Stunden!

Ein Teil der Zeitfalle ist es aber, dass wir das Gefühl haben, nach der einen Stunde noch nicht aufhören zu dürfen, obwohl unser Ziel erreicht ist.

Wenn du jetzt sagen wir mal den halben Tag für die Diss zur Verfügung hast, dann stellt sich natürlich schon die Frage, ob du nicht mehr als eine Stunde daran arbeiten willst. Ich glaube, der Fehler ist aber, zu erwarten, dass du dein Arbeitspensum auf jeden Fall beibehalten kannst. Vielleicht schreibst du in der zweiten Stunde keine zwei Seiten mehr, sondern nur noch eineinhalb. Und in der dritten Stunde nur noch eine Seite und in der vierten eine halbe.

Okay, wenn wir das jetzt zusammenzählen, dann haben wir in 4 Stunden trotzdem 5 Seiten geschafft und das ist besser – oder?

Vielleicht. Vielleicht gibt es für dich aber noch eine bessere Lösung. Vielleicht würdest du in eineinhalb Stunden 3 Seiten schaffen und wenn du dann eine Stunde Pause machst, in der du spazieren gehst oder Yoga machst und anschließend noch mal eine Stunde dranhängst, schaffst du in der noch mal 2 Seiten. Dann hättest du also in zweieinhalb Stunden Arbeitszeit plus einer Stunde Pause 5 Seiten geschafft. In dem letzten Beispiel waren es 5 Seiten in 4 Stunden ohne Pause, du erinnerst dich.

Was du aus dem Beispiel für die Zeitplanung deiner Doktorarbeit mitnehmen kannst

Okay, ich höre jetzt auf, dir Zahlen um die Ohren zu knallen, aber ich denke, mein Punkt oder besser meine Punkte sind klar geworden:

  • Der Output ist wichtiger als die investierten Zeitstunden
  • Deine Topleistung auf eine bestimmte Zeiteinheit gerechnet (in unserem Beispiel 2 Seiten produzierter Text pro Stunde) lässt sich nicht einfach so hochrechnen
  • Es ist wichtig, dass du deinen individuellen Rhythmus findest, der dich möglichst produktiv sein lässt und dir gleichzeitig möglichst viel Freizeit ermöglicht
  • Dazu gehören auch Pausen und der für dich bestmögliche Wechsel zwischen Arbeitseinheiten und Pausenzeiten

Was dieser für dich ist, das wirst du nur durch Ausprobieren rausfinden. Vergiss dabei nicht, deine aktuelle Tagesform und/oder Wochenform zu berücksichtigen. Wir sind nicht immer gleich leistungsfähig. Ich habe dir in diesem Artikel eingangs erzählt, wie ich nach dem Urlaub besonders gut gearbeitet habe und deshalb schneller war als sonst. Das heißt, berücksichtige auch, ob du gerade erholt aus dem Urlaub kommst oder eigentlich urlaubsreif bist. Was du sonst noch alles tust. Wo du im Zyklus stehst. Usw. usw.

Ich meine jetzt nicht, dass du einen Plan haben solltest für jedes mögliche Szenario, das ist auch gar nicht möglich. Aber das du das im Hinterkopf behältst. Dass du weißt, dass ein Rhythmus, der ein paar Tage, Wochen oder Monate für dich vielleicht perfekt funktioniert, irgendwann angepasst werden kann. Weil sich die Umstände ändern, weil du dich änderst.

3 wichtige Punkte 

Drei Dinge will ich noch hinzufügen, weil ich sie wirklich wichtig finde.

Punkt 1

Denke immer auch an den nächsten Tag. Ich würde an deiner Stelle versuchen, wenn es geht, nicht an dein Limit zu gehen. Reiz also nicht das Maximum dessen, was du leisten kannst, aus. Du willst ja einen Arbeitsrhythmus finden, der nachhaltig ist und auf Dauer funktioniert. Da würde ich Puffer nicht nur bei der Zeitplanung einplanen, sondern auch im Hinblick auf deine Energie. Also: Denk auch an morgen – und verpower nicht heute schon deine ganze Energie!

Punkt 2

Wenn du deine Zeit trackst, also misst oder notierst, wie lange du an verschiedenen Aufgaben sitzt, dann nutz das bitte nicht oder zumindest nicht nur, um möglichst viele Stunden runterzureißen, sondern auch, um zu kontrollieren, dass du nicht zu viel arbeitest. Du darfst stolz auf dich sein, wenn du alles geschafft hast und es schneller ging, als gedacht. Und wenn du mehr Freizeit hast, bist du am nächsten Tag ausgeruhter und wer ausgeruhter ist, schafft mehr. 😊

Punkt 3

Punkt 3 hängt mit dem Punkt eben zusammen. Nimm bitte nicht eine 40-Stunden-Woche als Maßzahl, auch und gerade dann nicht, wenn du ein Stipendium hast und dir theoretisch die ganze Woche frei zur Verfügung steht. Die meisten Aufgaben, die bei einer Promotion anfallen, sind Hochkonzentrationsaufgaben. Es ist unrealistisch, dass du diese 8 Stunden am Tag machen kannst. Lies hier nach, warum ich die 40-Stunden-Woche für die Promotion unrealistisch finde.

Ich hoffe, ich konnte dir mit meiner Geschichte und den Beispielen dabei helfen, dass du erkennst, wenn du das nächste Mal drohst in die besagte Zeitfalle zu tappen.

Bestrafe dich nicht dafür, wenn du effizient gearbeitet hast, indem du noch mehr Zeitstunden an den Arbeitstag hängst, obwohl du eigentlich fertig bist, denn mittel- und langfristig schadet das deiner Produktivität, weil du dich auspowerst.

Quellen & Ressourcen (Stand 11.08.2022): 

Jaksztat, Steffen; Preßler, Nora; Briedis, Kolja (2012): Promotionen im Fokus. Promos- und Arbeitsbedingungen Promovierender im Vergleich. HIS | Forum Hochschule 14/2012. [Für die hier genannten Zahlen siehe ab S. 59]

Podcast-Episode #27: Wie viele Stunden pro Woche sollte ich promovieren?

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Hallo, ich bin Dr. Marlies Klamt!

Jahrelang habe ich selbst nach einem Weg gesucht, glücklich und zufrieden zu promovieren. Ich musste meine eigene Dissertation sogar 2x schreiben, bis ich ihn gefunden habe. Im zweiten Anlauf war ich nicht nur nach 9 Monaten fertig, sondern hatte die beste Work-Life-Diss-Balance meiner gesamten Promotionszeit.

Heute unterstütze ich Doktorandinnen wie dich durch Coachings, Kurse und meinen Podcast "Glücklich promovieren". Ich glaube fest daran, dass alle Superkräfte, die du für eine glückliche Promotion brauchst, bereits in dir schlummern. Lass sie uns gemeinsam wecken!

Dr. Marlies Klamt