Glücklich Promovieren

Episode #051

Doktorarbeit abbrechen?

von Dr. Marlies Klamt | Glücklich Promovieren Staffel 1 Episode #051

Überlegst du, ob du deine Doktorarbeit abbrechen sollst? Oder willst du dir und deiner Diss noch eine Chance geben?

In Episode #51 helfe ich dir bei der Entscheidungsfindung.

Es gibt einen Fehler, den du bei deiner Entscheidung unbedingt vermeiden solltest…

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Doktorarbeit abbrechen? Was du bei der Entscheidung nicht berücksichtigen solltest.

Warum ich diese Folge so lange aufgeschoben habe

Ich habe mich recht lange darum gedrückt, eine Folge zum Abbruch von Promotionen zu machen. Nicht, weil ich finde, man sollte unter allen Umständen fertig promovieren. Auf gar keinen Fall.

Sondern weil ich Angst hatte, dich in die falsche Richtung zu beeinflussen. Ich wollte vermeiden, dass du eine Entscheidung für oder gegen die Promotion triffst, die nicht die richtige für dich ist.

Das Problem an Podcasts ist ja, dass sie undirektional sind. Das heißt ich kann dir keine Rückfragen stellen, so wie in einem Coaching-Gespräch. Und das war der Grund, warum ich zum Thema Doktorarbeit abbrechen noch keine Folge gemacht habe bisher, obwohl es schon relativ lange auf meinem Redaktionsplan steht.

Ich habe jetzt aber einen Punkt gefunden, der oft die Entscheidung beeinflusst und über den ich mit gutem Gewissen sprechen kann. Und ich hoffe, dass dir die heutige Folge dabei hilft, eine bessere Entscheidung für dich zu treffen. Oder zumindest deine Gedankengänge hierzu noch einmal zu sortieren und eine bessere Basis für die Entscheidung zu finden.

Und darüber möchte ich heute sprechen.

Erst mal vorweg

Es gibt ganz viele unterschiedliche Gründe, die Doktorarbeit nicht fertigzumachen. Du kannst im Burnout stecken, völlig überfordert sein. Vielleicht haben sich aber auch deine Prioritäten verschoben. Du hast dir z.B. immer vorgestellt, an der Uni zu arbeiten und jetzt festgestellt, dass das doch nicht der perfekte Arbeitsort für dich ist. Und brauchst nun wegen deiner geänderten Berufswünsche deinen Doktortitel nicht mehr.

Vielleicht hast du dich schon entschieden, dass du die Doktorarbeit abbrechen willst. Dann brauchst du eigentlich auch diese Episode nicht weiterzuhören. Denn dann hast du deine Entscheidung ja bereits getroffen.

Willst du der Diss noch eine Chance geben?

Vielleicht ist es aber auch so, dass du noch Zweifel hast, ob du weiter promovieren solltest. Und dir denkst, die Diss hat noch eine Chance verdient.

Wenn du da auch schon einen deutlichen Überhang hast – also wenn du dir auch schon sehr sicher bist, dass du es eigentlich noch mal probieren willst, dann würde ich es so machen – ich wohlgemerkt! Das muss für dich nicht der richtige Weg sein! – wie ich das mit vielen anderen Dingen in meinem Leben auch machen würde. Egal, ob es sich nun um eine Beziehung zu meinem Partner handelt oder um die Dissertation.

Wenn ich denke, das Ganze hat noch einmal eine Chance verdient, dann würde ich es noch mal probieren. Und zwar mit ganzer Kraft und mit ganzem Herzen.

Oft funktioniert etwas ja auch deshalb nicht gut, weil wir eigentlich schon gar nicht mehr richtig investieren und uns eigentlich innerlich schon rausgezogen haben.

Aber wenn du es wirklich mit voller Kraft voraus versuchst, dann brauchst du dir danach auch nichts vorzuwerfen. Das würde ich (!) aber auch strukturiert mache.

Ich würde mir ein Zeitlimit für diesen Versuch setzen und sagen, okay, dieses Jahr, das kommende Jahr oder die nächsten drei oder sechs Monate versuche ich es noch einmal. Und wenn es dann vorangeht, dann bleibe ich dabei.

Aber wenn dann wieder nichts passiert oder ich es wieder nicht schaffe, mich aufzuraffen und überhaupt irgendetwas zu machen, dann ziehe ich auch die Konsequenzen daraus, die ich mir selbst gesetzt habe und schließe das Projekt für mich ab. Auch wenn die Doktorarbeit an sich nicht abgeschlossen ist, aber das Projekt ist gestorben.

Dann kann du da auch mit gutem Gefühl aufhören.

Das, was schon verloren ist…

Und jetzt komme ich zum eigentlichen Kern dieser Episode. Ganz oft ist es so, dass wir bei der Überlegung, ob wir etwas weitermachen sollen – in diesem Fall die Doktorarbeit –, mit in die Entscheidung einbeziehen, wie viel wir schon in das Projekt investiert haben.

Das heißt, du überlegst dir: „Ich sitze schon seit drei Jahren dran. Da kann ich doch jetzt nicht aufhören. Ich hab schon so viel Lebenszeit, Energie, Kraft investiert, die soll doch nicht umsonst gewesen sein.“

Und das ist eine ziemlich schlechte Basis für die Entscheidungsfindung.

Sunk Cost-Fallacy

Vielleicht hast du schon mal den Begriff Sunk Cost-Fallacy gehört. Das ist der Trugschluss, dass wir weiter in etwas investieren sollten, weil wir schon so viel investiert haben. Das heißt wir wollen dann auch Lohn dafür einheimsen, für das, was wir schon bezahlt haben.

Bezahlt in welcher Währung auch immer. Das kann deine Zeit, deine kostbare Lebenszeit sein, es kann sein die Energie, es kann sein das Geld. Wenn du z.B. nur Teilzeit gearbeitet hast, um zu promovieren, hast du ja auch eine finanzielle Investition geleistet.

Und für all das wollen wir einen Lohn haben.

Interessanterweise ist das übrigens nicht nur bei Menschen so, sondern man hat das auch bei Ratten und Mäusen nachgewiesen (die Quelle findest du über diesem Text).

Ein Beispiel – nicht aus dem Promotionsbereich

Du sitzt im Restaurant und hast einen teuren Teller Pasta für 18 Euro bestellt. Jetzt denkst du dir: „Ich esse den auf jeden Fall zu Ende!“. Auch wenn schon nach der Hälfte satt bist und er dir eigentlich gar nicht richtig schmeckt.

Aber weil du schon so viel investiert hast, weil du schon 18 Euro dafür bezahlt hast (bzw. zahlen wirst), wird der Teller jetz tauch aufgegessen.

Das Problem dabei: Das, was du schon investiert hast, bekommst du sowieso nie wieder zurück. Das sind deine Kosten, die schon versunken sind.

Stell dir vor, du bist auf einem Segelboot, unter dir das Meer mit zwei Kilometern Tiefe. Du wirfst das Geld vom Boot und es versinkt im Meer. Nie wieder wirst du dieser Geld zurückbekommen. Die Münzen liegen auf dem Grund, die sind weg. So.

Doktorarbeit abbrechen? Sunk Costs solltest du bei der Entscheidung nicht berücksichtigen!

Das heißt, wenn du dir jetzt die ganze Zeit sagst, dass du weiter promovieren solltest, weil du schon so lange dransitzt, dann wirst du auf dieser Basis keine sehr gute Entscheidung treffen.     

Deshalb solltest du versuchen, die Entscheidung eben nicht auf deinen Sunk Costs beruhen zu lassen. Auch wenn das etwas ist, was wir instinktiv immer in die Entscheidung miteinbeziehen. Aber eigentlich sollte es irrelevant sein.

Es dauert immer länger, als geplant

Und was auch noch dazu kommt ist, dass es gerade bei der Promotion auch leicht zu unterschätzen ist, was noch fehlt. Also wenn du denkst, dass du bald fertig bist, nur weil du schon drei Jahre dran saßt, muss das nicht unbedingt stimmen. Vielleicht, wenn du dich bisher immer gut an deinen Zeitplan gehalten hast.

Es kann aber auch gut sein, dass du viel länger brauchst. Oft wird auch vergessen, dass der Tag der Abgabe nicht der Tag ist, an dem du mit deiner Dissertation abgeschlossen hast. Sondern die kommt noch eine ganze Weile immer wieder zu dir zurück.

Du wirst die Verteidigung vorbereiten müssen, vielleicht musst du etwas umarbeiten, formatieren, mit Verlagen verhandeln. Du wirst also noch länger mit deiner Doktorarbeit Freude haben – oder eben auch nicht.

Unterschätze also die Zeit nicht, die noch fehlen könnte.

Wann nicht der richtige Zeitpunkt zum Abbrechen ist

Worauf ich auch unbedingt noch hinweisen will: Ich meine jetzt nicht, wenn du schon fast fertig bist. Ich habe es tatsächlich immer wieder mitbekommen, dass Leute eine Woche, zwei Wochen vor ihrer Verteidigung hinwerfen wollten. Wenn du jetzt genau an diesem Punkt bist und deshalb diese Episode gehört hast: Bitte tue es nicht! Das ist nicht der Zeitpunkt, wann du die Doktorarbeit abbrechen solltest!

Denn bei Abbruchgedanken kurz vor der Verteidigung hast du wahrscheinlich ein anderes Problem. Zum Beispiel Prüfungsangst oder Probleme mit dem Impostor-Sydrom.

Deshalb noch einmal: Kurz vor der Verteidigung ist nicht der Punkt, an dem du deine Sunk Costs vergessen und hinwerfen solltest. Denn dann bist du ja wirklich fast fertig.

Warum wir die Sunk Costs häufig überbewerten, sind oft die Glaubenssätze, die wir haben. Z.B.: „Was ich einmal angefangen habe, das bringe ich auch zu Ende. Auf Biegen und Brechen.“ Koste es, was es wolle, sozusagen.

Das ist auch nicht besonders hilfreich.

Warum du die Entscheidung abzubrechen bewusst treffen solltest

Zuletzt möchte ich dir noch einen Gedanken mitgeben, warum ich es so wichtig finde, diese Entscheidung zu treffen.

Ich habe es öfter mitbekommen, dass Leute eine Promotion angefangen haben. Teilweise auch sehr ernsthaft – Vorträge auf Konferenzen gehalten haben, Kapitel geschrieben haben. Und dann haben sich Lebensumstände geändert, sie sind vielleicht in eine andere Stadt gezogen, weg von der Uni, an der sie betreut wurden.

Wenn das Leben dazwischenkam…

Wie auch immer. Irgendetwas kam dazwischen oder irgendetwas ist passiert.

Und dann sitzt man immer weniger dran oder denkt, man macht weiter nach den Semesterferien, man macht weiter nach dem Urlaub. Und es passiert einfach nicht. Je länger das dauert, umso unwahrscheinlicher wird es, dass du dich noch einmal dransetzen wirst. Und dann plätschert die Promotion so aus.

Vielleicht hörst du diese Episode auch und hast tatsächlich seit fünf Jahren nichts an deiner Dissertation gemacht.

Wenn du diese Episode hörst, dann ärgert es dich offensichtlich immer noch irgendwie oder es beschäftigt dich zumindest. Sonst würdest du jetzt hier nicht zuhören. Du bist also mit dem Thema noch nicht durch.

Doktorarbeit abbrechen – aber bewusst

Deshalb würde ich dir nahelegen, dass du damit deinen Frieden schließt und das Ganze besiegelst.

Also wenn du es nicht noch einmal probieren willst, dann würde ich das auch für mich noch einmal ganz klar so formulieren. Zum Beispiel auf eine dieser Weisen:

  • Mündlich in deinem Kopf
  • Aufschreiben
  • Ritual: Gedanken zur Doktorarbeit aufschreiben und verbrennen oder irgendwo ablegen
  • Wandertag machen, an dem du mit der Doktorarbeit innerlich abschließt

Offene Loops blockieren dich

Oft haben wir offene Loops im Kopf, die wir nicht abgeschlossen haben. Für mich sind das z.B. Bücher, die ich angefangen haben zu lesen. Da denke ich zwar auch nicht mehr wie früher „Was ich einmal angefangen habe, muss ich zu Ende bringen“. Egal, ob ich das Buch interessant finde oder nicht.

Aber ich habe viele Bücher angefangen, die ich sehr gut finde und die ich zu Ende lesen will. Wahrscheinlich sind das aktuell so 20.

Und alle solche Sachen sind in deinem Kopf als nicht fertige Aufgabe verankert und lassen dich unruhig werden und machen es schwerer, dich auf das zu konzentrieren, was du gerade machst.

Artikel-Veröffentlichung als Abschluss mit der Diss

Noch eine andere Art, wie du mit der Promotion abschließen kannst, je nachdem, an welchem Punkt du mit der Dissertation aufgehört hast, ist es, einen Artikel zu veröffentlichen. Entweder in einer Fachzeitschrift oder z.B. auf einem Blog, der thematisch zu deinem Thema passt.

So kannst du das, was du schon herausgefunden hast, der Öffentlichkeit zugänglich machen. Auch wenn das große Forschungsprojekt nie abgeschlossen sein wird.

Das ist dann dein Abschlusspunkt und danach kannst du das Projekt Dissertation in Frieden ruhen lassen.

Das wars

Ich hoffe, dass dir diese Episode bei der Entscheidungsfindung geholfen hat. Und dass du für dich eine gute Entscheidung triffst. Und auch wirklich eine bewusste Entscheidung triffst. Das möchte ich dir nahelegen, damit du diesen Loop schließt.

Falls du denkst, dass du da alleine nicht weiterkommst: Ich bin Promotionscoach. Schreib mich gerne an und dann machen wir einen Termin aus, um darüber zu sprechen, ob du die Doktorarbeit abbrechen solltest – oder euch noch eine Chance geben willst.

Ansonsten wünsche ich dir noch eine schöne Woche.

Wir hören uns wieder nächsten Mittwoch. Bis dahin freudiges Promovieren – oder auch nicht!

Deine Marlies

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